In Sommer im Heckenrosental, dem autofiktionalen Roman Florentine Joops, erzählt sie von den Sommerferien, welche sie oft in Potsdam bei ihrer Tante verbrachte.
Sie schreibt über die Unbeschwertheit der Abenteuer, welche sie mit ihrer Freundin „Katja“ erlebte. Vom Dreckigmachen binnen kürzerer Zeit, aufgeschlagenen Knien, den Streitereien mit dem älteren Bruder Katjas und dessen Freunden, vom Angeln und den vielen Dingen, die sie, als aus Hamburg stammendes Kind, einfach nicht kannte.
Florentine erzählt aber auch, von der Rückkehr nach Hamburg, in ihre Eliteschule, wo die Kinder sie schräg anschauten, ob des berliner Akzentes, welcher ihr nach der Zeit in Potsdam jedes Mal wieder herausrutschte, davon, dass sie sich nicht traute, von ihren wilden Abenteuern zu erzählen, aus Angst, ihre Erzählungen würden sie, noch mehr zur Außenseiterin machen, als sie bereits war.
Auf meine Frage hin, ob das für sie als Kind nicht sehr schwierig war, in zwei so unterschiedlichen Welten zu Hause zu sein, antwortete sie mir, dass sie es auch als sehr spannend empfunden habe.
Doch im weiteren Verlauf des Buches spüren wir erst nur ganz sanft, zwischen den Zeilen, dann immer massiver, wie diese Heimaten zu zerfallen beginnen.
Die vielen Streitereien der Eltern, die sie zuhause den Kopf einziehen ließen, um bloß keinen weiteren Streit der Eltern auszulösen, die Stimmungsschwankungen, nie zu wissen, wie sind Vater und Mutter drauf… All das führte dazu, dass das Kind Florentine, nach und nach nicht mehr wusste, wo es eigentlich hin gehörte.
Als die Eltern sich schlussendlich komplett trennten, wechselte sie zunächst in Hamburg zwischen den Elternteilen hin und Her. Nie wissend ob der jeweilige Elternteil tatsächlich mit ihr rechnete, die Tür öffnen oder sie gar abweisen würde. Dazu wurden die Besuch der Potsdamer Verwandtschaft, die unbeschwerten Sommer immer seltener, Florentine wurde immer unsicherer, durfte sie die Tante des Vater besuchen, wenn sie doch gerade bei ihrer Mutter war?
Immer intensiver lässt uns Florentine ihre Einsamkeit und ihre Verzweiflung über den Verlust der Heimat spüren, die Sehnsucht nach der unbeschwerten Zeit in den Sommern, welche sie bei ihrer Tante verbringen durfte. Die Beziehung zu ihrer Schwester beschreibt sie als kaum vorhanden, zu unterschiedlich sind die Geschwister, zu sehr ist die große Schwester damit beschäftigt, ihre Mutter aufzufangen, zu trösten und aufzubauen, dass ihr ( der Schwester) die Kraft und Energie fehlt, sich um die kleine Schwester zu kümmern.
Und so steht Florentine so manche Nacht in einem Berliner Hotel, direkt an der Mauer, am Fenster, die Mutter mit ihrem neuen Partner im Nebenzimmer, mit dem sie sich nur heimlich treffen kann. Statt in die geliebte potsdammer Heimat, reisen sie nun kreuz und Quer durch Ostberlin um nicht von der Stasi erwischt zu werden.
Mich haben diese Zeilen zu tiefst berührt, entsetzt und traurig gemacht. Die anfängliche Leichtigkeit der Erzählweise Florentines, ist verloren gegangen, die Realität ihrer Jugend ist hart. Immerhin hat sie in Hamburg mittlerweile Freunde gefunden, was mich beim Lesen sehr erleichtert hat.
Dann kommt 1989 die Öffnung der Grenzen, ihre Hoffnung, die Besuche bei der Verwandtschaft in Potsdam würden jetzt wieder häufiger, erfüllten sich nicht, die Freundschaft zu „Katja“ verlief im Sande. Plötzlich waren da Grenzen in den Köpfen der Menschen, sie teilten sich in Ossi und Wessi ein, man beäugte sich, statt sich zu freuen, die gemeinsame Zeit unbeschwerter genießen und sich sogar besuchen zu können.
Warum hat mich gerade der Teil des Buches so sehr bewegt, als Florentine diese Heimatlosigkeit erlebte, die Trennung der Eltern immer deutlicher wurde?
Sie hat in mir Erinnerungen geweckt, an die Trennung meiner Eltern, an das spüren, hier zerbricht etwas, was ich immer als selbstverständlich hin genommen habe, die innere Zerrissenheit, wo ich jetzt hin gehöre, dabei war es bei mir, im Gegensatz zum erleben Florentines, sehr schnell klar. Auch das Bewusstsein und die Dankbarkeit dafür, wie aufgehoben ich mich trotzdem habe fühlen können, haben ihre Zeilen in mir geweckt.
Mittlerweile hat Florentine Joop ihre Heimat (wieder)gefunden. Sie lebt in Potsdam im Haus ihrer Tante, gemeinsam mit ihrer Patchwork Familie.
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(Quelle Grafik: @edition_outbird )
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